Health Policy Monitor
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Jährliche Netzwerktreffen

Einmal im Jahr haben sich die Netzwerkpartner getroffen, um gemeinsam und kontinuierlich die Ziele, Herangehensweisen und Prioritäten ihrer Arbeit zu überprüfen und aktuelle gesundheitspolitische Fragen zu diskutieren.

 

Odense, 4.-7. Juli 2010

Planning and implementing change in health care

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter dem Motto "Planning and Implementing Change in Health Care" diskutierten die Teilnehmer des diesjährigen Netzwerktreffens Reform und Wandel im Gesundheitswesen. Wie können Veränderungen angestoßen werden und welche Rolle spielt dabei die Bedarfsplanung? Wie stark ist Wandel von den politischen Gegebenheiten eines Landes abhängig? Welche Faktoren begünstigen die Umsetzung von Reformen, welche behindern diesen Prozess?

Planung und Regulierung - Wurzel des Übels oder Allheilmittel?

Der erste Tag des Symposiums befasste sich intensiv mit Fragen der Planung und Regulierung anhand der Themen Fachkräftemangel, Krankenhaus-und Kapazitätsplanung. Wie viel Markt und Wettbewerb braucht das Gesundheitswesen? Wie viel Regulierung und Planung sind andererseits notwendig? Die Präsentationen und Diskussionen machten deutlich, dass jedes Land Wettbewerb und Regulierung auf unterschiedliche Weise ausbalanciert.

Dass Veränderungen im Bereich Fachkräfteplanung grundsätzlich notwendig sind, machte die Moderatorin der Session "Health workforce planning", May Tsung Mey-Cheng, anhand von fünf Beobachtungen deutlich: 1) es gibt einen zunehmenden Mangel an Personen im erwerbsfähigen Alter, hauptsächlich bedingt durch den steigenden Altenquotienten, 2) die Arbeitsteilung zwischen Fachkräften mit unterschiedlichem Ausbildungs- und Erfahrungsstand ist ineffizient, 3) das derzeitige Verhältnis von verschiedenen Facharztgruppen ist ineffizient, 4) es herrscht eine geografisch sowie 5) sozial unausgewogene Verteilung von Fachkräften innerhalb einzelner Länder vor. Die Referenten der Session illustrierten diese Herausforderungen und Probleme anhand von Praxisbeispielen.

Toni Ashton stellte Strategien aus Neuseeland und Australien vor, mit denen die beiden Staaten die Anzahl von Ärzten und anderen Gesundheitsfachkräften insgesamt sowie in bestimmten Regionen erhöhen wollen. Einige Maßnahmen seien eher als eine Reaktion der Politik auf den öffentlichen Druck von Ärzteverbänden zu verstehen, die einem bevorstehenden Ärztemangel immer wieder das Wort reden, so Toni Ashton. Doch es herrsche kein allgemeiner Mangel an Ärzten. Vielmehr sei die geografische und fachärztliche Verteilung der Leistungserbringer ineffizient. Ryozo Matsuda erläuterte die Gründe und Lösungsansätze für den Mangel an Kinderärzten und Geburtshelfern im nördlichen Japan. Zeynep Or zeigte die Chancen und Herausforderungen der Einführung von "skill mix"-Ansätzen in Frankreich auf. Pläne der Regierung, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Professionen zu entwickeln, sehen sich starkem Widerstand von sowohl Ärzten als auch Krankenpflegern ausgesetzt. Die Folge dieses Widerstandes ist, dass der bestehende gesetzliche Rahmen nun unangetastet bleibt und die Professionen selbst aufgefordert sind, neue Ansätze der Zusammenarbeit konkret vor Ort zu entwickeln.

In seinen Eröffnungsworten zur Session "Planning of health services and healthcare facilities" wies Gerard Anderson darauf hin, dass Gesundheitspolitik offenbar zyklisch ablaufe - nachdem Markt und Wettbewerb für Jahrzehnte en vogue waren, scheint jetzt der Trend wieder zu stärkerer Regulierung und Planung zu gehen. Ein Beispiel dafür ist Dänemark. Wie Mickael Bech zeigte, werden Kapazitäten und Fachbereiche der Krankenhäuser dort streng geplant - sogar gegen öffentlichen Widerstand. Maria Hofmarcher sprach über die regionale Versorgungsplanung in Österreich: dort ermittelt man den Versorgungsbedarf auf Basis von Kapazitäten, der Anzahl stationärer Aufenthalte und Qualitätskriterien. Damit sei die regionale Bedarfsplanung auf dem richtigen Weg, so Maria Hofmarcher. Allerdings müssten Zielgrößen stärker an Kosten und Qualitätsindikatoren geknüpft und Anreize für die Regionen, spezifische Zielvorgaben zu erreichen, verbessert werden.
Die diesjährige Gastrednerin Ellen Nolte von RAND Europe präsentierte einen konzeptionellen Rahmen zur Bewertung, Verbesserung und Weiterentwicklung der Versorgungsplanung. Erfolgreiche Versorgungsplanung basiert demnach auf drei Kriterien: 1) einer klaren Zielvorstellung, verdeutlicht durch konkrete Ziele und Vereinbarungen, 2) einer guten Steuerung, inklusive klarer Rollenverteilung und Verantwortlichkeiten, Anreizen und Sanktionen, und 3) eingehender Beobachtung, d.h. einer regelmäßigen Analyse relevanter Daten, kontinuierlichem Monitoring und Messen von Fortschritten anhand vorgegebener Ziele sowie ausreichender Kapazität, um diese Maßnahmen durchzuführen.

Was bleibt von der Reformidee? - Stolpersteine in Politik und Praxis

Am zweiten Tag des Symposiums standen die Fragen im Mittelpunkt, was mit ursprünglichen Reformvorhaben während des Gesetzgebungsprozesses passiert, welche Treiber und Hindernisse Entscheidungsträger beachten müssen und wie Wandel im Gesundheitswesen umgesetzt werden kann.

Mit ihren Eindrücken zur US-Gesundheitsreform eröffnete Sophia Schlette die Session "Bargaining change in the political arena". Ihr Fazit: Die Verabschiedung der Gesundheitsreform im März 2010 an sich war gut, weil sie zu einer historischen Ausweitung des Versicherungsschutzes in den USA führe. Dennoch sei diese Reform nur der erste Schritt hin zu einer besseren und effizienten Gesundheitsversorgung für alle US-Bürger. Rückblickend auf die Reformerfahrungen der Niederlande, der Schweiz und Deutschlands in den 80ern und 90ern stellte Sophia Schlette drei Gemeinsamkeiten in Reformprozessen fest: 1) Reformen brauchen Zeit, oft Jahrzehnte, 2) Reformen gehen immer schrittweise vonstatten und sind pfadabhängig, d.h. sie entwickeln sich innerhalb der spezifischen Kultur des jeweiligen Landes, und 3) erfolgreiche Reformen sind parteiübergreifend - ein einvernehmliches Ergebnis von Verhandlungen zwischen verschiedenen Parteien in Politik und Gesellschaft.

In seiner detaillierten Analyse der amerikanischen Gesundheitsreform gab Uwe Reinhardt einen tiefgehenden Einblick in die so genannte "sausage factory", eine populäre Metapher, mit der man in den USA Reformprozesse umschreibt: Man weiß nie genau, wie eine Wurst tatsächlich hergestellt wird und woraus sie am Ende wirklich besteht. Uwe Reinhardt verwies auf die amerikanischen Besonderheiten im Hinblick auf das Gesundheitssystem: einzigartige Herausforderungen (z.B. unhaltbare Gesundheitsausgaben, den faktischen Ausschluss der Mittelklasse von medizinischer Versorgung aufgrund zu hoher Versicherungsprämien, die steigende Zahl Nichtversicherter, etc.) und die charakteristischen Merkmale der politischen Kultur der USA, wie zum Beispiel die Sozialmoral und das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber staatlichen Eingriffen, was sich letztendlich in schwachem Regieren äußere. Das Fazit von Uwe Reinhardt fiel dementsprechend negativ aus: Er sieht die weitere Kosten- und Finanzentwicklung eher pessimistisch.

Hans Maarse sprach in seinem Vortrag über die Versicherungsreform in den Niederlanden. Laut Maarse macht Wettbewerb zwischen den Krankenkassen keinen Sinn, wenn nicht gleichzeitig auch Wettbewerbsbedingungen auf der Leistungserbringerseite vorliegen, d.h. Versicherer zu richtigen Einkäufern werden können. In den Niederlanden konzentrierten sich die Versicherer jedoch immer noch zu stark auf den Preis und weniger auf die Qualität der Versorgung, so Maarse. Und die Verbindung von Wettbewerb (Freiheit) mit Globalbudgets (Kontrolle) scheint immer noch so unlösbar wie die Quadratur des Kreises.

Luca Crivelli analysierte die Auswirkungen von konsensueller Entscheidungsfindung und direkter Demokratie auf Schweizer Gesundheitsreformen. Crivelli argumentierte, dass der Reformprozess in der Schweiz üblicherweise langsam vonstatten gehe und voller Interessenkonflikte sei. Obwohl Volksabstimmungen eine klare Form der Mitsprache seien, führten sie häufig dazu, den Status Quo zu festigen, und endeten weniger oft in gesundheitspolitischem Wandel. Die Ergebnisse von 12 Volksabstimmungen zwischen 1974 und 2008 verdeutlichen dies: Zehn der zwölf Änderungsvorschläge wurden abgelehnt.

Lim Meng Kin schloss die Session mit einem Vortrag über Gesundheitsreformen in Singapur. An Reformen werde dort üblicherweise pragmatisch herangegangen: Entscheidungsträger genießen öffentliches Vertrauen, und "asiatische" Werte (bspw. dass die Gemeinschaft an erster Stelle stehe, nicht das Individuum) bilden die Basis für Reformvorhaben. Lim Meng Kin merkte an, dass Singapur eine gute Balance zwischen individueller und staatlicher Verantwortung gefunden habe. In Singapur wird das Gesundheitswesen aus einer Mischung von Steuern, medical savings accounts - eine Art Sparkonto für medizinische Behandlungen, das jeder Singapurianer eröffnen muss - und einer Versicherung für besonders kostspielige Versorgung finanziert. Der interventionistische Ansatz Singapurs ("löse Probleme, bevor sie überhaupt anfallen") habe zu einem Rückgang des Staatsanteils der Gesundheitsausgaben in Singapur geführt, so Lim.

Marion Haas eröffnete die letzte Session des Symposiums "Drivers and barriers of implementing change" mit einem Vortrag über Desinvestitionsstrategien. Aktive Desinvestitionen im Gesundheitswesen, wie zum Beispiel der Abzug von Ressourcen für Technologien mit geringem oder keinem Nutzen, seien sehr schwierig, da der finanzielle Nutzen bzw. Einsparungen sich nicht sofort (eventuell auch niemals) einstellen und Verluste den Nutzen überwiegen können. Der Anstoß für Desinvestitionen kann laut Haas daher nur über veränderte Anreize kommen. Ain Aaviksoo analysierte in seinem Vortrag die Einführung des nationalen Gesundheitsinformationssystems in Estland, dessen Umsetzung trotz hoher Akzeptanz von IT im Gesundheitswesen bei Patienten, Leistungserbringern und Politikern stockt. Anreize seien häufig nicht aufeinander abgestimmt, und Kosten und Nutzen der elektronischen Gesundheitskarte ungleich verteilt: Während 65% der Kosten von Leistungserbringern getragen werden und nur 35% von der Gesellschaft, profitiere die Gesellschaft weit mehr von dessen Einführung.
Revital Gross stellte in ihrer Präsentation vor, wie Israel Patientenerfahrungen nutzt, um das Gesundheitssystem zu verbessern. Ergebnisse von Patientenbefragungen werden weitläufig veröffentlicht und von Patientenvereinigungen, Krankenkassen, Leistungserbringern, den Medien und dem Parlament diskutiert. Außerdem hätten Befragungsergebnisse häufig Einfluss sowohl auf Politikebene, zum Beispiel in der Gesetzgebung, als auch direkt in der Leistungserbringung.

Krakau, 1.-4. Juli 2009

The HealthPolicyMonitor - Identifying good practice for evidence-informed health policy

Die Teilnehmer des 8. Jährlichen Netzwerktreffens in Krakau

Die Teilnehmer des 8. Jährlichen Netzwerktreffens in Krakau, Polen

 

 

 

 

 

 

 

 

Wo können politische Entscheidungsträger Evidenz und gute Beispiele für ihr Handeln finden? Wie kann man die Nutzung von Evidenz im gesundheitspolitischen Entscheidungsprozess stärker verankern? Diese und weitere Fragen diskutierten die Mitglieder des Internationalen Netzwerks Gesundheitspolitik vergangene Woche auf dem 8. Jährlichen Symposium des Netzwerks in Krakau. Das Treffen stand unter dem Motto "The HealthPolicyMonitor - Identifying good practice for evidence-informed health policy making". 

Keynote speaker war John Lavis, Professor und Canada Research Chair in Knowledge Transfer and Exchange an der McMaster University in Ontario. Er hob hervor, dass insbesondere ein stärkerer Austausch zwischen Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern von Bedeutung sei, um die Nutzung von Evidenz im politischen Entscheidungsprozess zu fördern. Dabei könnten Stiftungen als "Knowledge Broker" eine zentrale Rolle spielen. Zudem plädierte Lavis dafür, den Zugriff auf wissenschaftliche Evidenz zu vereinfachen. Systematische Überblicksanalysen statt Einzelstudien und eine zielgruppengerechte Aufbereitung seien notwendig, um politische Entscheidungsträger zu unterstützen. Dazu tragen John Lavis und seine Mitarbeiter an der McMaster University aktiv bei. Das Team hat eine Datenbank aufgebaut (www.researchtopolicy.ca/Search/Reviews.aspx), in der mehr als 800 systematische Reviews einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Fragen der Steuerung, Finanzierung und Leistungserbringung im Gesundheitswesen geben. 

Der erste Tag des Symposiums war "good practice"-Beispielen aus dem HealthPolicyMonitor gewidmet. Die Teilnehmer diskutierten unter anderem Reformideen und -ansätze, mit denen verschiedene Länder den Herausforderungen des Fachkräftemangels begegnen. So setzen die Niederlande beispielsweise auf spezialisierte Pflegekräfte, die eng mit den Hausärzten zusammenarbeiten. "Der Mangel an Ärzten und die zunehmende Zahl von chronisch Kranken erfordern eine neue Aufgabenverteilung in der medizinischen Versorgung", so Peter Groenewegen, Direktor des renommierten Netherlands Institute for Health Services Research (NIVEL). "In den Niederlanden haben wir daher seit dem Ende der 90er Jahre neue Studiengänge für die Ausbildung von spezifisch geschulten Pflegekräften aufgesetzt. Zudem trägt die Standardisierung von medizinischen Verfahren dazu bei, dass ein Teil der ärztlichen Aufgaben an neue Professionen delegiert werden kann." Erste Evaluationen versprechen Erfolg: Die neuen Pflegekräfte haben mehr Zeit für die Patienten und leisten eine besser koordinierte Versorgung. Ärzte können sich stärker auf komplexe medizinische Aufgaben konzentrieren und die Kosten der Versorgung sind leicht gesunken. 

Am zweiten Tag des Netzwerktreffens lag der Fokus auf Evidenz: Wie werden in verschiedenen Ländern Nutzen und Kosten von Behandlungsmethoden oder Arzneimitteln gemessen? Wer entscheidet, ob ein neues Produkt Teil der Regelversorgung wird und akzeptieren Stakeholder die Entscheidungen? Israel setzt dabei auf eine enge Einbindung aller relevanten Akteursgruppen. Revital Gross, Netzwerkpartnerin aus Israel, betonte, dass dieses Vorgehen die Basis für breite Akzeptanz und Vertrauen in das Handeln von politischen Entscheidungsträgern bilde, besonders in Zeiten knapper Ressourcen. So besteht die Gruppe zur Bewertung der Kosten und Nutzen neuer Verfahren zum Beispiel nicht nur aus Ökonomen und Medizinern, sondern auch aus Vertretern von Patienten, Krankenkassen, Herstellern und anderen öffentlichen Institutionen. Die Evaluationsergebnisse werden über die Medien der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Entscheidungen über die Aufnahme einer neuen Behandlungsmethode oder eines neuen Medikaments in den Leistungskatalog müssen im Konsens getroffen werden.

Agenda 8. Jährliches Netzwerktreffen

Präsentationen der einzelnen Sessions zum Download

Session "Knowledge dialogue and evidence-informed health policy"

Ljubljana, 2.-5. Juli 2008

Health system advancements: quality care and needs between business and ethics

Die Teilnehmer des 7. Jährlichen Netzwerktreffens in Ljubljana

"Those who have the most interesting thoughts, are the happiest of persons."  Mit diesem Zitat von William Lyon Phelps fand Adam Oliver von der London School of Economics die richtigen Worte, um das 7. Jährliche Symposium des Internationalen Netzwerks Gesundheitspolitik zu beschreiben. Vom 2. bis 5. Juli 2008 trafen sich die Netzwerkpartner aus 20 Ländern, um gesundheitspolitische Entwicklungen und Ideen aus aller Welt zu diskutieren und den Weg des Netzwerks für das nächste Jahr zu besprechen. Intensive inhaltliche Diskussionen mit interessanten Anregungen aus allen Partnerländern und eine angenehme Arbeitsatmosphäre bestimmten das Treffen.

Die slowenische Gesundheitsministerin Zofija Mazej Kukovic, die das diesjährige Symposium eröffnete, würdigte in ihrer Eröffnungsrede den Austausch zwischen Experten und Expertinnen aus vier Kontinenten. Trotz der Verschiedenheiten zwischen Ländern und Regionen stehen Gesundheitssysteme weltweit vor denselben Herausforderungen. Durch seinen Blick auf Reformprozesse und die politischen Akteure und deren nicht immer durch Evidenz motivierten eigenen Rationalitäten geht das Internationale Netzwerk Gesundheitspolitik der Bertelsmann Stiftung über gängige Fachnetzwerke hinaus. Es bringt nicht nur eine besondere Bandbreite an Ländern und Systemen zusammen. Auch die Zusammensetzung der beteiligten Institutionen, vor sechs Jahren sorgfältig ausgewählt mit Blick auf Interdisziplinarietät, Kenntnis politischer Akteure und Rationalitäten sowie Politikberatungserfahrung sind eine besondere Mischung, die sich durch politisches Denken und durch starke Praxisorierierung auszeichnet. 

Die Teilnehmer diskutierten unter anderem im Plenum oder in Workshops über die Entwicklung der Gesundheitssysteme in Ost- und Mitteleuropa seit ihrer Unabhängigkeit und über Dauerbrenner wie die Wirksamkeit von neuen, besser koordinierten Versorgungsmodellen. Doch die Experten befassten sich auch mit kommenden wichtigen Themen wie der dringenden Notwendigkeit einer verbesserten Versorgung psychisch Kranker - in vielen Ländern inzwischen weit oben auf der Agenda. Gute Beispiele waren breit angelegte Kampagnen in Australien, Kanada und England, die alle Bevölkerungsgruppen über psychische Erkrankungen, ihre Symptome und Behandlungsmöglichkeiten informieren. Sie erhöhen die Akzeptanz und das Verständnis in der Bevölkerung und bauen für die Betroffenen Stigmatisierung und Barrieren beim Zugang zu Versorgung ab.

Neben dem Themenkomplex psychische Gesundheit identifizierten die Experten Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung (Zugang und Health Outcomes) als einen der nächsten Schwerpunkte des Netzwerks. Hier gilt es in Zukunft, funktionierende Strategien zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheit zu finden und über nationale Grenzen hinweg zu verbreiten. Mit einem internationalen Fachseminar am 7. Juli in Berlin, das Ergebnisse des Gesundheitsmonitors mit Erfahrungen aus dem Vorreiterland Finnland zusammenbringt, hat das Projekt bereits den ersten Schritt in diese Richtung gemacht.

Die Frage nach einer gerechten Verteilung von Ressourcen im Gesundheitswesen führte zu einer besonders lebhaften Diskussion: Wie gehen Länder mit dem Konflikt zwischen einer ethisch geforderten freien Verfügbarkeit medizinischer Behandlungen ("rescue rule") und der oft aufgrund knapper Ressourcen notwendigen Rationalisierung um?  Während England den Fokus auf eine ökonomische Bewertung von Kosten und Nutzen legt, sitzt in der israelischen 13-köpfigen Kommission, die über die Aufnahme von Behandlungen in den Leistungskatalog entscheidet, nur ein Ökonom neben Ethikern, Soziologen, Philosophen und Medizinern. Entsprechend gering ist dort dann bei Entscheidungen das Gewicht der reinen Kosten-Nutzen-Bewertung, denn über den Einschluss oder Ausschluss von Gesundheitsleistungen könne man nicht nach rationalem ökonomischen Kalkül allein entscheiden, so Revital Gross, die israelische Expertin des Internationalen Netzwerks.

Berlin, 04.-06. Juli 2007

A study tour around the world - Comparing challenges, solutions and values in health care politics

Gruppenfoto Internationales Netzwerk Gesundheitspolitik Juli 2007

Welche Werte spielen in der Gesundheitspolitik eine Rolle? Was können wir über und von anderen Ländern lernen? Wie kann die für so viele Länder typische Fragmentierung der Versorgung überwunden werden? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Experten des Internationalen Netzwerks Gesundheitspolitik auf ihrem sechsten Jahrestreffen, das vom 4. bis zum 7. Juli unter dem Motto "A study tour around the world - Comparing challenges, solutions and values in health care politics" in Berlin stattfand. Neben Partnern aus den 20 Netzwerkländern nahmen als Gastredner Rudolf Klein, Professor an der London School of Economics, und Uwe Reinhardt, Professor an der Princeton University, am Treffen teil ...

Das Lernen über und von anderen Gesundheitssystemen - eines der zentralen Ziele und Werkzeuge des Netzwerks - bildete den Ausgangspunkt der Diskussionen. Netzwerkpartner aus Neuseeland, Israel und den USA berichteten über Erfahrungen, die sie während Forschungsaufenthalten in anderen Netzwerkländern gemacht haben. Neben dem Vergleich systemischer Faktoren wie Wahlmöglichkeiten für Patienten, Zuzahlungen und Wartezeiten zeigten die Experten auch verschiedene Erklärungsansätze für bestehende Unterschiede auf.

 Weiterhin diskutierten die Experten Initiativen, die die Koordination und Kontinuität der Versorgung verbessern sollen - Maßnahmen, von denen insbesondere chronisch Kranke profitieren. Ob der Einsatz von elektronischen Patientenakten in der amerikanischen Veterans Health Administration, dem staatlichen Versicherungsprogramm für Kriegsveteranen, oder die stärkere Einbindung von Patienten in den Behandlungsprozess im Rahmen von strukturierten Behandlungsprogrammen (in Deutschland auch Disease Management Programme genannt) in Großbritannien - all diese Maßnahmen haben das Potenzial, die Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung zu erhöhen.

Die Ergebnisse einer auf dem Jahrestreffen vorgestellten OECD Studie zeigten allerdings, dass es immer noch Schnittstellenprobleme zwischen den einzelnen Sektoren des Gesundheitssystems gibt, besonders an der Naht zwischen medizinischer Versorgung und Pflege. Eine weitere Herausforderung stellt die adäquate Versorgung von Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten dar.

Begriffe wie Solidarität, Eigenverantwortung, Zugang zu qualitativ hoher Versorgung, Gerechtigkeit oder Effizienz standen in der abschließenden Diskussionsrunde "Werte in der Gesundheitsversorgung" zur Debatte. Kann man diese Konzepte als Werte eines Gesundheitswesens bezeichnen? Inwieweit bedingen sie sich gegenseitig, ist doch zum Beispiel Universalität beim Zugang eine Voraussetzung für Gerechtigkeit. Aber ist es gerecht, zur Erreichung des Ziels der Universalität bestimmte Bevölkerungsgruppen zu bevorzugen? Und überhaupt: Handelt es sich bei den angesprochenen Konzepten eher um Ziele oder Mittel zur Zieler-reichung? Sind diese Konzepte überhaupt mehr als "Hurrah-Words", die - so provozierte Rudolf Klein - am Ende nichts anderes bezwecken, als eine wohlige Grundstimmung zu erzeugen? Und wie politisch aufgeladen sind diese Werte in bestimmten Zusammenhängen (European Social Model)? Haben Werte globale Gültigkeit (UN-Charta der Menschenrechte), oder gibt es - wie Professor Lim, Experte aus Singapur, anschaulich darstellte - nicht doch Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Kulturen?

Die während des diesjährigen Treffens gewonnenen Einsichten und neu aufgeworfenen Fragen beschäftigten die Teilnehmer auch während des kulturellen Begleitprogramms am Samstag; sie bereichern die gesundheitspolitischen Diskussionen des Themenfeldes sowie die weitere Arbeit des Netzwerkes über den Tag hinaus.

Helsinki, 14.-17. Juni 2006

Globalisierung, Gesundheitsreformen und Kommunikationstechnologie

Vom 14. bis 17. Juni 2006 diskutierten die Experten unserer 20 Partnerinstitutionen gesundheitspolitische Themen im National Research and Development Centre for Welfare and Health (STAKES) in Helsinki, Finnland. Themen der Konferenz waren Globalisierung, aktuelle Gesundheitsreformen und Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen.  

Kimmo Leppo, Abteilungsleiter des finnischen Gesundheitsministeriums, eröffnete die Diskussion mit einem Beitrag über nationale Gesundheitspolitik im Kontext von Europäisierung, Globalisierung und Dezentralisierung - ein Thema, das aufgrund der finnischen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2006 für Finnland von besonderer Bedeutung ist. Helsinki sieht in der Globalisierung und Europäisierung des Gesundheitswesens Potentiale, aber auch Probleme (z.B. rechtliche Unsicherheiten durch die EU-Dienstleistungsrichtlinie). Darüber hinaus beschrieb Leppo aktuelle Reformen des öffentlichen Sektors in Finnland und Bestrebungen hin zu einer stärkeren Zentralisierung im Gesundheitswesen (z.B. durch nationale Qualitätsrichtlinien), nachdem lange Zeit in einem Prozess fortschreitender Dezentralisierung Verantwortlichkeiten auf die kommunale Ebene übertragen worden waren.  

Die Teilnehmer diskutierten den zunehmenden Einfluss supranationaler Organisationen wie WHO, GATS, etc. auf die nationale Gesundheitspolitik. Fallstudien aus Australien, Thailand und Taiwan illustrierten, wie Freihandelsvereinbarungen den Druck auf Nationen erhöhen, auch ihre Märkte für pharmazeutische Produkte zu öffnen, und dabei mit nationaler Arzneimittelpolitik zum Schutz der Verbraucher in Konflikt geraten. Auf der anderen Seite unterstützt die OECD ihre Mitgliedsländer auf dem Weg zu einer besseren Koordination der Gesundheitsversorgung mit der Bereitstellung eines Rahmenwerks, mit dessen Hilfe die Fähigkeit eines Gesundheitssystems zur Anpassung an internationale Herausforderungen gemessen werden kann.  

 Tom McIntosh, Leiter des Gesundheitsnetzwerks des kanadischen Partnerinstituts, sprach über Veränderungen der kanadischen Gesundheitspolitik nach dem Wahlerfolg der konservativen Partei. Die neue Regierung habe sich zu Versorgungsgarantien für Schlüsselleistungen bekannt, bleibe was die Umsetzung dieses Ziels angeht jedoch vage. Sie zögere, eine stärkere Führungsrolle zu übernehmen, die für das Erreichen eines Konsenses zwischen den 17 für Planung und Finanzierung der Gesundheitsversorgung zuständigen Provinzen und Territorien notwendig wäre. Cezary Wlodarczyk, Netzwerkpartner und Professor an der Jagiellonische Universität Krakau, berichtete über den fehlenden Willen politischer Parteien in Polen, die Verantwortung für eine Gesundheitsreform und ganz generell für Regierungshandeln in Polen zu übernehmen und eventuelle Konsequenzen zu tragen. Weiteres Thema der Konferenz war die Reform des Krankenversicherungssystems in den Niederlanden, die 2006 in Kraft getreten ist und von Hans Maarse von der Universität Maastricht kommentiert wurde.  

In der letzten Diskussionsrunde sprachen die Teilnehmer über die Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen und ihren Einfluss auf Effizienz und Qualität der Versorgung. Jörg Sembritzki vom Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen in Krefeld wies darauf hin, dass der Aufbau von Vertrauen und Akzeptanz bei Nutzern und Öffentlichkeit gegenüber neuen Informationstechniken eine der größten Herausforderungen für Politiker zahlreicher Länder ist.   Abschließend legten die Teilnehmer die nächsten inhaltlichen Schwerpunkte des Netzwerks fest: die Identifizierung größerer Trends in der internationalen Gesundheitspolitik und die Frage, wie mehr Wettbewerb in Gesundheitssystemen sich auf Qualität und Leistungsumfang auswirkt.  

Barcelona, 6.-9. Juli 2005

Dezentralisierung, Wettbewerb und Public-Private-Partnerships

Bei diesem Netzwerktreffen, das vom Forschungszentrum für Wirtschaft und Gesundheit (CRES) der Universität Pompeu Fabra und der IESE Business School der Universität Navarra veranstaltet wurde, war der spanische Kontext einer Reform des Gesundheitswesens und des öffentlichen Sektors der Rahmen für lebhafte Debatten.   Guillem López, Leiter des CRES, gab einen Überblick über den Denzentralisierungsprozess in Spanien und die zunehmende Abgabe regulativer Kompetenzen im Gesundheitswesen an die autonomen Regionen. Es folgte die Beschreibung eines Private-Public-Partnership-Modells, bei dem eine Versicherungsgesellschaft die langfristige Konzession erhält, für eine Region mit 150 000 Einwohnern die komplette Gesundheitsversorgung unter strenger öffentlicher Kontrolle zu leisten.  

Martin Gaynor aus Pittsburgh/Pennsylvania hielt einen Vortrag über Wettbewerb in Gesundheitsmärkten, der zu einer wissenschaftlichen Debatte über wirtschaftliche Ansätze im Gesundheitsbereich führte. Alan Maynard, Universität York, präsentierte Ergebnisse eines internationalen Vergleichs zur Rolle von Public-Private-Mix in der Gesundheitsversorgung und wies auf die große Bedeutung der richtigen Anreize hin. Toni Ashton, Universität Auckland, Neuseeland, berichtete über aktuelle Entwicklungen in der Primärversorgung und Michael Appel, Universität Süddänemark, erläuterte die Geschichte von Reformen und unterlassenen Reformen in seinem Land.

Teilnehmer aus den neuen Netzwerk-Partnerländern griffen diesen Punkt auf. Tit Albreht stellte die aktuelle Veränderung in der slowenischen Gesundheitspolitik hin zu mehr marktorientierten Lösungen dar. Diese Neuausrichtung durch die neu gewählte konservative Regierung stelle einige bereits weit entwickelte populationsorientierten Ansätze in Frage. Ruta Kruuda von PRAXIS, Tallinn/Estland, wies darauf hin, wie stark sich gesundheitspolitische Themen über die nationalen Grenzen hinweg gleichen - die Bedeutung internationaler Diskussionen und der gemeinsamen Suche nach Lösungen sei inzwischen sowohl bei Wissenschaftlern als auch Gesetzgebern anerkannt. Uwe Reinhardt, Princeton Universität, erinnerte zusammenfassend an die positiven Leistungen der öffentlichen Hand im Gesundheitswesen. Er erläuterte, wie oft innovative Arbeiten im Bereich Managed Care, Anreizsysteme, Qualitätsmanagement, etc. mit Hilfe öffentlicher Finanzierung und von öffentlichen Einrichtungen entwickelt wurden. Erst in einem zweiten Schritt würden diese Ansätze vom Markt übernommen und angepasst.    

Berlin, Unter den Linden 1, 2004

Demographischer Wandel und Prävention

Das dritte Netzwerk-Treffen fand in der neuen Bertelsmann Repräsentanz im Herzen Berlins statt.   Nach einem provokativen Start von Alan Maynard, Department of Health Sciences, Universität York, darüber, was man bei Gesundheitsreformen tun und was lassen sollte, diskutierten die Experten Möglichkeiten der Finanzierung des Gesundheitswesens, die Herausforderungen des demographischen Wandels für Pflege und Gesundheitsversorgung und die Rolle der Prävention.   Unter den Referenten war Franz Knieps, Abteilungsleiter Gesetzliche Krankenversicherung und Pflegeversicherung im Bundesministerium für Gesundheit, Julien Forder, Mitarbeiterin des britischen Department of Health im Bereich Pflege, und Uwe E. Reinhardt, Professor an der Princeton Universität, der wegweisende Forschungsprojekte aus den USA zum Thema Prävention vorstellte.